Abschnitt 03 - Die Bauteile

Moleküle der Träume

Interview mit
Leonardo Bagnoli,
Ducati Head of Vehicle Simulation.

Ducati war schon immer von der Materialforschung besessen. Wenn wir an unsere Grundwerte, unseren Stil, unsere Ausgereiftheit und Performance denken, bemerken wir, dass sie alle an dieser innovativen Forschungstätigkeit beteiligt sind. Die wertvollen Materialien, mit denen wir arbeiten, vor allem Titan, Magnesium und Kohlenstofffasern, sind das Rückgrat der Fahrzeugdynamik und verleihen unseren Rennmotorrädern gleichzeitig den unverkennbaren Ducati-Look.

Wir haben mit Leonardo Bagnoli, Ducati Head of Vehicle Simulation.

„Die Materialforschung ist extrem kostspielig und schwierig. Denn man muss sie in verschiedenen Bereichen austesten und dabei gleichzeitig das beste Material und die besten Geometrien berücksichtigen, um die besten Leistungen zu erzielen. Wenige Millimeter können den Unterschied zwischen einem unglaublichen Erfolg und dem Scheitern machen.“

Das Project 1708 erhebt diesen extremen Ansatz, den wir von unserer täglichen Tätigkeit in der Welt der GP- und SBK-Rennen geerbt haben, auf ein komplett neues, noch komplexeres Niveau. Auch, wenn er in der Tat extrem ist, hat die Rennwelt zeitlich eine beschränkte Dauer. Die Forschung von Ducati kommt am besten durch das Treiben der Merkmale der Materialien auf die Spitze zum Ausdruck, indem die Anzahl an Zyklen und die Art der mechanischen Belastung, denen sie ausgesetzt sein werden, im Voraus berechnet wird.

„In der Forschung spielt das Element der Herausforderung mit. Des Enigmas. Man muss die Komplexität in Angriff nehmen und auf immer neue Arten lösen.

Beim Project 1708 erreicht die Herausforderung eine komplett neue Dimension im Vergleich zum Rennprototyp: Wir müssen extreme Leistungen unter Einhaltung von Erfordernissen bezüglich der Verlässlichkeit und Zulassung erzielen. Es geht darum, die Merkmale der Materialien und der Bauteile auf die Spitze zu treiben, ohne die tatsächliche Belastung voraussehen zu können, der sie unterzogen werden, Bauteile mit experimentellen Technologien zu schaffen, um sie auf ein Motorrad anzuwenden, mit dem nicht nur ein Fahrer fährt, sondern das für die Straßenzulassung bereit sein muss. Ein von uns geplanter Bauteil muss nicht mehr nur 10 Rennen dauern. Sondern für immer. Daher ist die doppelte Berechnungs- und Simulationsarbeit im Vergleich zu allen anderen von uns produzierten Motorrädern erforderlich.“

 

 

Jeder Bauteil wird mit Techniken und Technologien entwickelt, bei denen die Kunst, das Handwerk und die Industrie einander begegnen. Wir befolgen einen normalerweise in der Luftfahrt angewendeten Prüfprozess, jeder Bauteil muss Thermographie-, Ultraschall und sogar Tomographieprüfungen bestehen. Wir führen einen CT-Scan jedes einzelnen Teiles aus, um die interne sowie die externe Struktur zu überprüfen.

Das Team von Leonardo teilt sich die Aufgaben auf und jeder Ingenieur kümmert sich darum, einen einzelnen Bauteil des Projects 1708 zu perfektionieren und die nötigen virtuellen Tests durchzuführen, um von jedem Material das Maximum herauszuholen. Ein bedeutendes Beispiel ist die neue Hinterradschwinge aus Kohlenstoff, wo es erstmals möglich war, unidirektionale Carbonfasern anzuwenden, ein sehr schwierig zu zähmendes Material. Unidirektionale Carbonfasern sind aufgrund des Gewicht-Steife-Verhältnisses sehr leistungsstark, aber hoch anisotrop, ihre Stabilisierung ist somit komplex.

„Die Komplexität der Oberflächen beeinflusst die Möglichkeit, ein futuristisches Material wie unidirektionale Carbonfasern zu verwenden. Deswegen mussten wir die Geometrien der Vorderradgabel komplett neu planen, um sie verbessern zu können, und zwar in einem ständigen Dialog mit dem Designcenter, um mit dem Design von Ducati kohärent zu bleiben. Die morphologische Optimierung war eine der Tätigkeiten, die uns die meiste Zeit in Tests und virtuellen Beständigkeitssimulationen gekostet hat. Das Ergebnis ist ein noch nie zuvor erzieltes spezifisches Steifeverhältnis. Ein Motorrad, bei dem alle äußeren Lasten erleichtert wurden, weshalb es unglaublich wendiger und handlicher ist. Aber dank der neuen Geometrien auch stabiler.“

Das erzielte Gleichgewicht ist wirklich auf hohem Niveau, sogar bezüglich der Kombination verschiedener Carbontypen im Fahrgestell, wo auch die chemische Kompatibilität angestrebt wurde, inmitten von Harzen und Materialien.
Die experimentelle Forschung stellt keinen Selbstzweck an und für sich dar, sondern ein ehrgeiziges Statement für das gesamte Unternehmen. Und es ist die Tätigkeit, mit der Ducati ständig danach strebt, die Latte für sich selbst und die Motorradwelt höher zu legen.

„Für einen Strukturingenieur stellt das Festlegen von leichten Strukturen und die Arbeit am exklusivsten Motorrad der Erde einen Weg dar, seine Kenntnisse auf ein konkretes Projekt anzuwenden, das in der Lage ist, sie zu nutzen. Die Leistung ins Extreme zu treiben. Sich beruflich zu verwirklichen, indem alle im Lauf der Jahre angesammelten Kompetenzen für ein einziges Projekt ins Spiel gebracht werden.“