Abschnitt 05 - Der Motor

Leichte Stärke

 

Interview mit
Enrico Poluzzi,
Ducati Engine Design Manager

Das Motorendesign ist mit Sicherheit eines der markantesten Merkmale von Ducati. Ein Sektor, in dem die Desmodromik zu einer einmaligen Charakteristik geworden ist. Die Entwicklung des Motors für das Projekt 1708 bedeutet, den ausgefeiltesten Ducati Antrieb aller Zeiten zu verwirklichen. Stück für Stück, durch Bearbeitung jedes Bauteils, um es so leicht wie möglich zu machen. Um bei jedem Detail Platz für die Innovation zu finden.

Wir haben mit Herrn Enrico Poluzzi, Engine Design Manager bei Ducati, darüber gesprochen.

„Der Beginn der Arbeit am 1708 war wirklich fantastisch: Es stand uns frei, an unkonventionelle Lösungen zu denken und unsere Kreativität anzuwenden. Es ist ein weiter Spielraum geboten; meinem Team war es freigestellt, unabhängig von den Kosten zu projektieren. und Zugang zu Materialien, Prozessen und Technologien zu haben, die wir normalerweise nur in der Rennwelt verwenden

Es war auch ein extrem mitreißender Moment für alle, weil jede Arbeitsgruppe weiß, an welchen Bauteilen es noch technischen Spielraum oder eine technologische Alternative gibt, und daher ihr spezifisches Know-How ins Spiel bringt. Es handelt sich um ein Projekt, bei dem der Auftrag lautet, Unmögliches zu tun.“

Der Begeisterung folgt das Fachwissen der technischen Entwicklung. Wie in jedem anderen Bereich des Projekts 1708 wird auch bei der Entwicklung des Motors nichts dem Zufall überlassen. Es erfolgt eine komplette Analyse aller einzelnen Mikrokomponenten, um alle Weiterentwicklungsmöglichkeiten herauszufinden und neue Materialien und Geometrien zu erproben. Auf futuristische Weise experimentieren, um etwas herzustellen, das es noch nie gab.

„Zu Beginn eines Projekts sehen wir uns die Basisliste des Motors mit allen seinen 600 Artikelnummern der Bauteile an. Wir analysieren alle Bauteile und beschließen danach, woran zu arbeiten ist. Bei einigen beginnt die Suche nach experimentellen Lösungen, bei anderen hingegen wissen wir, dass ein leichteres Vorgehen möglich ist, weil wir seine Limits und Entwicklungsspielräume bereits kennen.

Die Priorität liegt bei den Bauteilen mit der höchsten Dichte, von denen erachtet wird, ob sie mit leichteren Materialien ersetzt werden können: Wir haben die gesamten Befestigungsvorrichtungen zur Fixierung der Kurbelgehäuse und Köpfe von Stahl auf Titan verändert. Dieselbe Wahltreffung wurde auch auf kleinere Spannelemente wie die Schrauben der Nockenwellenlagerböcke ausgedehnt. Bauteile von geringer Größe, die aber in großer Anzahl vorhanden sind.“

 

 

Die Wahl der Materialien war der erste Schritt, der aber mit einer pedantischen Arbeit an den Geometrien einhergeht, die zwei verschiedene Richtungen vorsieht: Die erste, um zu überprüfen, dass neue Materialien keine Anwendungsprobleme aufweisen, und die zweite, um die bestehenden Bauteile zu verbessern und leichter zu machen.

„An vielen Bauteilen hat man an der Optimierung gearbeitet, indem die Stärken dünner gestaltet wurden und ursprünglich nicht vorhandene Erleichterungen eingeführt wurden. Mit dieser Einstellung haben wir zum Beispiel die Zahnräder des Anlasses und die Nockenwellen umgearbeitet, die mit zusätzlichen Erleichterungslöchern an den Nocken und längs versehen wurden, wodurch der Querschnitt entlang der gesamten Wellenlänge reduziert wurde.

42 % der Bauteile wurden neu geplant, um in einigen Fällen auch nur ein paar Dutzend Gramm zu gewinnen. Summiert man sie, ist die Wirkung jedoch erheblich und ergibt eine Gewichtsreduzierung von 2,8 kg im Vergleich zu der bei der Panigale V4 S verbauten Version.

Ein Bauteil, mit dem wir ebenfalls eine signifikante Gewichtseinsparung erlangen konnten ist die Ölpumpeneinheit. In diesem Fall haben wir das Design der Einheit drastisch geändert und die Anzahl der Rücklaufpumpen von 3 auf 2 verringert. Dank des völligen Neuentwurfs der Kanäle im Inneren der Pumpe ist es uns jedoch gelungen, die Funktionsweise beizubehalten, sprich das Öl mit derselben Wirksamkeit der Standardpumpe aus diesen Räumen zu drainieren.“

 

 

Durch die Entwicklungsarbeit am Motor wird auch das Fahrfeeling mit einzigartigen Merkmalen angereichert. Sowohl aufgrund der Erleichterung bei den Richtungswechseln, aber allen voran aufgrund der Steigerung des Ansprechverhaltens, die durch eine Trägheitsänderung der Schwungradkomponenten bewerkstelligt wird. Die Engineering-Fertigkeiten von Ducati werden bei jedem Schritt zu 100 % ausgenutzt, um einen Motor zu verwirklichen, der einen ganz besonderen Charakter hat.

„Im Vergleich zum V4 Basismodell wird an der Gewichtsreduzierung aller Schwungradmassen gearbeitet, vor allem die in Zusammenhang mit der Gruppe des Pleuelsystems, die durch die Verwendung von Pleueln aus Titan erzielt wurden (und daher auch durch die Gewichtsreduzierung der Gegengewichte der Kurbelwelle). Die Elemente, die den größten Beitrag zur Trägheit der rotierenden Massen des Motors beitragen, wurden alle leichter: Das bedingt eine höhere Schnelligkeit bei den Drehzahländerungen. Somit ist der Motor dazu konzipiert, sofort auf die Anforderungen des Fahrers zu reagieren.

Es war eine anstrengende Feinarbeit, weil die Ausgangsteile des Standardmotors bereits hohe Optimierungsniveaus aufweisen. Deshalb haben wir an den Details eingegriffen, Löcher hinzugefügt, Stärken verringert, um Gewicht einzusparen, ohne jedoch – was sehr wichtig ist – die Zuverlässigkeit zu beeinträchtigen. Die Motorbauteile des Projekts 1708 werden unter Anwendung derselben Standards ausgewählt, die für die Motorbauteile der normalen Produktion gelten, ohne Abschläge.“

 

 

Jedes Motorbauteil wurde an seine Grenze getrieben. Die Bearbeitungen sind viel komplexer. Demzufolge müssen die Kontrollen und Simulationen ebenbürtig sein, um die handwerkliche Sorgfalt in eine industrielle Zuverlässigkeit zu verwandeln. Das Team von Enrico unterzieht das Projekt FEM-Berechnungen und strukturellen Simulationen. Für den Motor von 1708 nimmt Ducati einen ähnlichen Extremisierungsprozess vor, wie er von Ducati Corse für Rennmotoren ausgeführt wird, aber mit Sicherheitskoeffizienten, die für ein serienmäßig produziertes, zugelassenes Produkt typisch sind.

„Es handelt sich um einen Rennmotor, der aber auf Lebenszeit garantiert werden muss. Und das bedingt weitere Vorkehrungen. Titan ist zum Beispiel ein edles Material, verursacht aber eine höhere Reibung auf den Schleifflächen. Dieser Aspekt muss insbesondere bei den Befestigungsvorrichtungen berücksichtigt werden, da beim Anzug eine sichere, wiederholbare Axiallast gewährleistet werden muss. Aus diesem Grund haben wir eine besondere Auflage verwendet, die den Zweck hat, diesen kritischen Punkt zu beheben.“

 

 

Die in Auftrag gegebene Vortrefflichkeit ermöglicht Ducati ein individuelles und gruppenweises Wachstum, weil auch die verworfenen Ideen das Team anspornen, sich in experimentelle, technologische Innovationen zu vertiefen. Es handelt sich um eine Suche nach neuen Leistungsgrenzen, die die Voraussetzungen für die Zukunft schaffen und ein wirklich exklusives Motorsportprodukt hervorbringen.

„Die Teilnahme an der Entwicklung des Motors 1708 ist wirklich eine einmalige Erfahrung. Es handelt sich um eine Arbeit, die das ganze Team angesichts der gewährten, kreativen Freiheit mit Stolz, sowohl auch mit Begeisterung und Energie erfüllt. Sie wird in jeder Hinsicht zu einem Moment der Forschung und Entwicklung, der sich auf globaler Ebene auf die Kenntnisse des Teams auswirkt. Wir sind angespornt, neue Lösungen auch abseits aller bewährten Klischees zu suchen. Auf diese Weise können wir wagen und das Projekt als Ausdruck unserer Kompetenzen und Persönlichkeit empfinden. Es handelt sich um einen großartigen, schöpferischen Moment.“